Teenage Mutant Ninja Turtles in der Filmkritik: Hollywood erfindet die Ninja Turtles neu

Japanische Meuchelmörder, New Yorker Untergrund, Reptilien, Pizza. Welcher Begriff passt hier nicht in die Reihe? Wer diese Frage mit "keiner, es passen alle" beantwortet, kann getrost weiterlesen. Alle anderen sollten mal zwingend ihr Diplom im Fach "Comic-Schildkröten" nachholen! Wir haben uns Hollywoods Neuverfilmung der Turtles angesehen...


All for one, and one for all

Wie schon bei Alexandre Dumas Musketieren gilt heute: Gemeinsam ist man stärker.

Diese Botschaft vermitteln vier Schildkröten, benannt nach den größten Künstlern der Renaissance, seit über 20 Jahren. Leonardo, der furchtlose Anführer. Raphael, der hitzige Raufbold. Donatello, der Technik-Freak. Michelangelo, der Witzbold. Unter der Anleitung ihres Lehrmeisters Splinter, einer menschengroßen Ratte, wurden die vier zu Ninjas ausgebildet. Gemeinsam mit der Reporterin April O'Neil bekämpfen die Brüder den Foot-Clan unter der Leitung des Shredders.

April O'Neil - witzigerweise entspricht das unserem Gesichtsausdruck, als bekannt wurde, dass Megan Fox diese Rolle bekommt. [Quelle: Nickelodeon Movies]
April O'Neil - witzigerweise entspricht das unserem Gesichtsausdruck, als bekannt wurde, dass Megan Fox diese Rolle bekommt. [Quelle: Nickelodeon Movies]

Jetzt, im Jahr 2014, ist es mal wieder an der Zeit, die Mutanten aus der Versenkung zu holen und auf die große Leinwand zu hieven. Als Regisseur konnte man Jonathan Liebesman gewinnen. Angesichts dessen Vita ist eine gehörige Portion Skepsis angebracht. Immerhin finden sich dort "Perlen" wie Der Fluch von Darkness Falls, World Invasion: Battle LA und Zorn der Titanen. Dazu kommt noch, dass als Produzent Michael "Krachbumm" Bay verantwortlich zeichnet, der ja bereits das Transformers-Franchise erfolgreich vergewaltigte. Als dann noch die Info durchs Web sickerte, dass Megan Botox... Pardon... Megan Fox für die weibliche Hauptrolle übernimmt, war aus Skepsis bereits nackte Panik geworden. Die wurde gleich weiter geschürt, als ein erster Drehbuchentwurf im Web auftauchte. Der sah vor, dass die Turtles Aliens waren. Die Fangemeinde war am Boden - oder besser auf den Barrikaden. Schnell beschwichtigten die Verantwortlichen und beteuerten "es handele sich um einen frühen Entwurf, der längst verworfen wurde". Wir können auch Entwarnung geben, man hat ihn wirklich verworfen.

Der Foot-Clan 2014: Vom Ninja-Clan zur Paramiliz [Quelle: Nickelodeon Movies]
Der Foot-Clan 2014: Vom Ninja-Clan zur Paramiliz [Quelle: Nickelodeon Movies]

Wer nun ein dickes ABER hört, hat durchaus Recht. Entgegen der ursprünglichen, altbekannten Historie, bediente man sich für den vorliegenden Film an der Hintergrundgeschichte der Super Turtles aus den Mirage Comics. Einem eher unbekannten und kurzlebigen Alternativszenario. Gleich vorweg: Eine unglückliche Entscheidung, wie wir finden.

Auf die Handlung wollen wir an dieser Stelle auch gar nicht zu groß eingehen. Daher fassen wir sie nur komprimiert zusammen. In New York häufen sich Überfälle und Anschläge des Foot-Clans. Reporterin April O'Neil ermittelt auf eigene Faust und stößt dabei auf mysteriöse Rächer, die sich nach kurzer Zeit als die Teenage Mutant Ninja Turtles entpuppen. April wendet sich hilfesuchend an den Industriemagnat Eric Sacks, der früher mit Aprils Vater zusammen an einem Mutagen arbeitete. Sacks erkennt in den Turtles die letzten Überreste der verlorenen Mutagenforschung und setzt alles daran, ihrer habhaft zu werden. Unterstützt wird er dabei vom Foot-Clan und dessen Anführer Shredder. Die zwei planen eine Biowaffe in New York zu zünden und das Mutagen dann als Heilmittel zu verkaufen. Neben Millionen von Dollar brächte dies auch die Herrschaft über die Stadt mit sich. Logisch, dass die Turtles sich so etwas nicht kampflos anschauen und alles daran setzen, diesen Plan zu verhindern.

An dieser Stelle wollen wir die Kritik aufsplitten. Im folgenden Abschnitt "Für Kinogänger" bewerten wir den Film aus neutraler Sicht. Also der Sicht von jemand der einfach unterhalten werden will, ohne dass er groß etwas mit den Turtles am Hut hatte. Danach liefern wir noch einen Abschnitt für absolute Fans der grünen Helden und beleuchten den Film aus der Sicht des Turtles-Fanboy. Der "normale" Kinogänger kann diesen übernächsten Abschnitt also getrost überspringen und direkt beim Fazit weiterlesen.

Unser heimlicher Lieblingsturtle: Michelangelo [Quelle: Nickelodeon Movies]
Unser heimlicher Lieblingsturtle: Michelangelo [Quelle: Nickelodeon Movies]


Für Kinogänger

Teenage Mutant Ninja Turtles ist typisches Popcornkino. Das klingt negativ, ist in diesem Fall aber durchaus als Kompliment zu verstehen. Die Technik ist spitze, der Sound kracht. Die Mischung aus Action und Humor passt. Garniert wird das mit einem Spritzer Emotion, netten Werten und der Message: Gemeinsam sind wir stark, aller Unterschiede zum Trotz. Die Turtles sind hervorragend animiert und auch ihr jeweiliger Charakter wurde super herausgearbeitet. Unser persönlicher Liebling ist übrigens Mikey alias Michelangelo. Was uns allerdings anfangs etwas irritierte, war der Look der Schildkröten. Hier wählte man einen recht amphibischen Look, der sich recht stark vom bekannten Knubbellook unterscheidet. Dadurch wirken die vier Ninjas auf den ersten Blick martialischer und auf Kinder eher abschreckend. Die FSK-Freigabe ab 12 scheint hier durchaus gerechtfertigt, auch wenn man die die doch recht chaotischen Kämpfe berücksichtigt. Verglichen mit den Vorgängerfilmen wirken die Actionszenen nicht mehr so comichaft. Die Laufzeit fällt mit 101 Minuten angenehm kompakt aus und ist mit verantwortlich, dass der Film ohne nennenswerte Längen daherkommt.

Ja, das soll Karai sein. Erfährt man leider erst aus dem Abspann. [Quelle Nickelodeon Movies]
Ja, das soll Karai sein. Erfährt man leider erst aus dem Abspann. [Quelle Nickelodeon Movies]


Für Fanboys

Fans der Turtles müssen stark sein. Abgesehen von der Hintergrundgeschichte werden noch weitere Tiefschläge verteilt. Der große Antagonist ist zwar Shredder, jedoch fällt im gesamten Film nicht einmal der Name Oroku Saki. Ebenfalls dem alternativen Background geschuldet, ist das fehlende Beziehungsgeflecht zwischen Shredder und Splinter bzw. Hamato Yoshi (oder wahlweise dessen Hausratte). Dafür wirkt die Familienbeziehung von April bzw. deren Vater typisch Bay. Wir hätten uns hier gewünscht, dass man sich die ursprüngliche Vita zu Nutze macht. Ein weiteres No Go ist der Charakter Karai. Spielt diese in den anderen Zeitlinien eine gewichtige Rolle, verkommt sie hier zur blassen Statistin. Das geht sogar so weit, dass man ohne die Namenserwähnung im Abspann nicht einmal wüsste, dass es Karai sein soll (man kann es nur vermuten).

Was natürlich nicht fehlen darf, sind Michael Bay'sche Sequenzen a la "sich in Zeitlupe über den Helden überschlagende Autos". Kann man mögen, muss es aber nicht. Ebenso ist es verwunderlich, dass die Turtles offenbar übermenschlich stark sind. Abgesehen von ihren Ninjaskills, die kaum zum Tragen kommen, da man nur frontal angreift, wird bereits zu Beginn gezeigt, wie ein tonnenschwerer Frachtcontainer von einem Turtle auf seine Gegner geschleudert wird - Hulk hätte das nicht besser gekonnt. Eine weitere fragwürdige Entscheidung der Macher, ist die Tatsache, dass die Turtles kugelsicher sind. Praktisch, da der Foot-Clan nicht mehr aus Ninjas besteht, sondern an eine paramilitärische Söldnertruppe mit einer dämlichen 99-Cent-Maske erinnert und sich ausschließlich Sturmgewehren bedient statt asiatischer Nahkampfwaffen. Den Gipfel der Skurrilität erreicht man dann in einer Szene, in der Raphael durch das Anspannen der Brustmuskeln die dort steckenden Kugeln zurückfeuert - Wolverine meets Hulk.

Shredder verkommt zum Schweizer Taschenmesser-Transformer. [Quelle: Nickelodeon Movies]
Shredder verkommt zum Schweizer Taschenmesser-Transformer. [Quelle: Nickelodeon Movies]

Den Vogel abgeschossen hat man aber mit Shredder selbst. Abgesehen vom eingangs erwähnten Background, steckt der Shredder in einer High Tech Kampfrüstung. Leider wirkt er damit wie eine Kreuzung aus dem Gang Bang eines Transformers mit einem Schweizer Taschenmesser und Edward mit den Scherenhänden. Fans rotieren jedenfalls im Kinosessel.

Was jedoch ein Lob verdient ist die Charakterzeichnung der Helden, wenn man sich auch an den realistischeren Look der Schildkröten gewöhnen muss. Die vier Brüder werden genau so dargestellt wie man sie kennt. Während Leo der besonnene Anführer ist stellt Raph den hitzköpfigen Gegenpol dar, jedoch mit dem Herz am rechten Fleck. Donatello gibt den leicht zerstreuten Technikfreak (was man offenbar durch die typische, mit Klebeband geflickte Nerdbrille noch untermauern wollte). Der heimliche Star ist allerdings Mikey. Der Kerl ist einfach locker drauf und gibt überzeugend den typisch sorglosen Teen der immer einen lockeren Spruch auf der Lippe hat. (SH)

 

FAZIT

Cowabunga!

Ich möchte an dieser Stelle kurz aus der Kritik der Variety zitieren: "Teenage Mutant Ninja Turtles sieht zwar besser aus als seine Live-Action-Vorgänger aus den 90ern, doch manifestiert der Film die wenig liebenswerten Attribute einer Bay-Produktion – chaotische Action, haarsträubender Humor, Effekte-Overkill und Megan Fox" Das trifft es ziemlich genau. Für den normalen Kinogänger ist der Film brauchbare Unterhaltung. Die Mischung aus Action und Humor stimmt und dank der recht kompakten Laufzeit kommt kaum Langeweile auf. Fanboys der Schildkröten werden ob der veränderten Hintergrundgeschichte, dem Look der Charaktere (damit sind gerade Shredder und der Foot-Clan gemeint) und dem verschenkten Potential (Karai) eher enttäuscht sein. Anschauen werden sie ihn aber trotzdem.

Zuerst veröffentlicht auf gamezone.de am 22.10.2014