Tom Clancys The Division im Just-Nerds Test: New York sehen und...schießen

Quelle: Ubisoft
Quelle: Ubisoft

 

Weihnachten ist die Zeit für Besinnlichkeit. Leise rieselt der Schnee auf die menschenleeren Straßen und legt sanft eine zarte weiße Decke über die zig hundert Leichensäcke.

 

Merry Christmas everyone

Ja, das ist ein krasses Bild aber genau dieses Szenario erwartet euch in Ubisofts neuem Koop-Shooter. Doch eines nach dem anderen. Es ist Black Friday. Der Konsumtag Nr. 1 in den USA. Welcher Tag würde sich also besser anbieten für einen Anschlag? Genau das dachte sich auch Ubisoft und lässt Terroristen eine Bioterrorattacke in New York starten. Das Mittel der Wahl ist dabei nicht einfach eine Bombe sondern viel perfider. Die Terroristen bringen einen Pockenerreger unter die Bevölkerung, mit Geldscheinen als Trägermedium. Die Auswirkungen könnte katastrophaler nicht sein. Dank des Black Friday verbreitet sich der Erreger innerhalb von Stunden. Es kommst wie es kommen musste. Das Militär und die Nationalgarde werden eingesetzt als es zu ersten Plünderungen kommt, werden der Lage aber nicht Herr.

Das virtuelle NY bekam Tag/Nacht und Wetterwechsel spendiert [Quelle: Ubisoft]
Das virtuelle NY bekam Tag/Nacht und Wetterwechsel spendiert [Quelle: Ubisoft]

 Wenige Tage nach dem Outbreak steigt die Todesrate dramatisch an. Die Menschen gehen nicht mehr zur Arbeit. Die Grundversorgung fällt aus. Polizei und Militär ziehen sich zurück und beschränken sich darauf die Stadt abzuriegeln. Danke fehlendem Personal, Stromausfällen usw. brechen alle Systeme zusammen. Das sorgt wiederum dafür, dass Gefangene aus den Hochsicherheitsgefängnissen ausbrechen können und nun marodierend und mordend durch die Straßen ziehen. Die wenigen gesunden und anständigen Bürger verschanzen sich in ihren Häusern. Eine handvoll Bedauernswerter sucht ihr Glück auf der Straße, versucht Autos aufzubrechen, durchwühlt den Müll - alle auf der Suche nach Medikamenten, Essen und Trinkwasser. Mitten in diesem Chaos werdet ihr aktiv. Als Schläferagent habt ihr jahrelang ein normales Leben geführt, bis zu diesem Zeitpunkt. Nach der Aktivierung ist es nun eure Aufgabe die Kontrolle über New York wieder zu erlangen. Eine Infrastruktur zu etablieren und den Gangs und Kriminellen die Vorherrschaft streitig zu machen. Kinderspiel.

Passanten trefft ihr nur selten, was dem Szenario geschuldet ist [Quelle: Ubisoft]
Passanten trefft ihr nur selten, was dem Szenario geschuldet ist [Quelle: Ubisoft]

 

Leise rieselt der Schnee

Das Ausgangsszenario ist also klar und eure Aufgabe ebenso. Um gleich mal mit einem Vorurteil aufzuräumen: The Division ist kein MMO. Zwar trefft ihr in wenigen begrenzten Arealen auf andere Spieler, diese dienen aber nur als Ruhepunkt, Gruppensuche und Speicherpunkt. In der restlichen Welt trefft ihr nicht mehr auf andere Spieler, Ausnahme davon ist die Darkzone, dazu aber später mehr. Was ist The Division also dann? Am besten umschreibt man es mit Koop-Third-Person-RPG-Shooter. Ihr könnt euch jederzeit mit anderen Spielern/Freunden zusammen tun und gemeinsam Recht und Ordnung in NY wiederherstellen, oder eben alleine losziehen. Hier aber direkt eine Warnung: Alleine ist es haarig, machbar, aber haarig. Eine besondere Erwähnung verdient auf jeden Fall das RPG-System. Anders als in den meisten Rollenspielen gibt es hier keine festen Klassen. Zwar habt ihr die Auswahl zwischen drei Skilltrees mit ihren aktiven und passiven Talenten, jedoch könnt ihr jederzeit "on the fly" eure Skills austauschen und damit dem Spielgeschehen bzw. eurer Gruppe anpassen. Ihr seid alleine als Tank unterwegs mit Schild und Haftgranatenwerfer und ein Freund will einsteigen. Kein Problem, ändert einfach eure Skills und macht fortan einen auf Medic. Verskillen oder Multisaves (also mehrere Charaktere unterschiedlicher Klassen anlegen) fallen damit flach. Daran sollten sich andere Rollenspiele ruhig ein Beispiel nehmen. Ebenfalls essenziell für eure Überleben: Deckung.

Soviel Detailverliebtheit haben wir selten in einem Spiel gesehen [Quelle: Ubisoft]
Soviel Detailverliebtheit haben wir selten in einem Spiel gesehen [Quelle: Ubisoft]

Generell wirkt das Skill und Attributsystem im ersten Moment überfrachtet. Im Lauf des Spiels fuchst man sich aber rein. Neben euren aktiven und passiven Skills könnt ihr auch noch gewisse Talente auswählen die euch spezifische Boni geben. Dazu beeinflusst eure Ausrüstung eure Grundattribute wie Ausdauer und Schaden. Diese Werte solltet ihr im späteren Verlauf im Auge behalten, denn oft verfügen Waffen über Boni die erst mit einem bestimmten Attributwert aktiv werden. Eine weitere Besonderheit des Levelssystems, das The Division von anderen RPGs abhebt, ist die Art wie ihr euch auflevelt. Euer Charakter steigt natürlich im Level auf (bis Level 30) aber eure Skills werden dadurch nicht freigeschaltet. Um neue Fähigkeiten zu erhalten müsst ihr eure Operationsbasis, die aus drei Flügeln (Medizin, Sicherheit und Technik) besteht, ausbauen. Je nach Ausbaustufe der Basis bekommt ihr neue Fähigkeiten zugeteilt. Da liegt auch ein Haken des Spiels. Ihr habt daher wenig Einfluss auf die Reihenfolge der Fähigkeitsfreischaltungen, da gerade die Sicherheitsmissionen im Highlevel-Bereich lokalisiert sind. Anfangs drängt euch das Spiel recht stark in die Medizinecke.

 

Still und starr ruht der See

Naja nicht so ganz still. Denn nun kommen wir zum Salz in der Suppe: Waffen. The Division bietet zwar durchaus einige "near-future"-Gadgets, aber bei den Waffen bleibt man bodenständig. Ihr dürft jederzeit zwei große Waffen mit euch führen, sowie eine Pistole oder abgesägte Shotgun (die als tertiäre Waffe unbegrenzt Munition hat). Bei den Primär- und Sekundärwaffen habt ihr die Qual der Wahl zwischen Präzisionsgewehren, Sturmgewehren, Maschinenpistolen und so weiter. Es empfiehlt sich natürlich zwei Waffen mit unterschiedlichen Munitionstypen auszurüsten. Reicht euch der normale Wumms nicht moddet ihr eure Waffen einfach mit div. Verstärkern oder bastelt gleich selbst neue Waffen und Ausrüstung nach gefundenen Blaupausen. Die Rohstoffe bekommt ihr durch Zerlegen alter Waffen oder looten von Rohstoffkisten. RPG-typisch kommen alle Items in unterschiedlichen Seltenheitsstufen daher. Ihr seht schon, es spielt sich wie ein Shooter ist aber im Kern ein klassisches Rollenspiel. Man könnte sagen eine Art Hybrid aus Borderlands und Destiny.

Die Gegnervielfalt ist recht gering [Quelle: Ubisoft]
Die Gegnervielfalt ist recht gering [Quelle: Ubisoft]

Dem Realszenario geschuldet werdet ihr auch nicht auf irgendwelche Mechs oder sonstige Sci-Fi-Gegner treffen. Neben den bereits genannten Plünderern und Häftlingen trefft ihr auch auf die sogenannten Cleaner, ehemalige städtische Angestellte die der Meinung sind man kann die Katastrophe nur in den Griff bekommen wenn man alles niederbrennt. Später trefft ihr dann noch auf eine private Söldnerarmee, das war es dann auch schon. Neben verschiedenen Gegnerklassen (Nahkämpfer, Sniper etc.) trefft ihr ab und an auch Elite- (lila) und Bossgegner (gelb mit Eigenname). Dies harten Nüsse schlucken Magazin um Magazin um Magazin....

Hier wäre mehr Vielfalt wünschenswert gewesen, aber leider setzte das Szenario hier einfach gewisse Rahmenbedingungen. Einen interessanten Ansatz geht Ubisoft beim Storytelling. Neben vereinzelten Cutscenes wird euch ein Großteil der Geschichte über Funksprüche, sammelbare Echos und Akten erzählt. Wer also tiefer in die Ereignisse eintauchen will kommt nicht um den Sammelkram herum - eine zwiespältige Sache.

Jede Extraktion wird euch Nerven kosten - und evt. euer virtuelles Leben [Quelle: Ubisoft]
Jede Extraktion wird euch Nerven kosten - und evt. euer virtuelles Leben [Quelle: Ubisoft]

 

Der Multiplayer als Sozialstudie

Kommen wir zum heimlichen Highlight des Spiels: Die Darkzone. Hier trefft ihr andere Spieler, im Zweifel genau zwischen die Augen. Die Besonderheit dieses abgeschotteten Areals: Jeder macht was er will. Ihr könnt jederzeit eure Mitspieler angreifen und damit ihren Loot abgreifen, ihr könnt aber auch lose Allianzen formen. So oder so, jedes erbeutete Item muss an speziellen Extraktionspunkten gesichert werden. Das lockt natürlich weniger anständige Spieler an die hier versuchen einen schnellen Dollar zu machen, sprich den Lohn eurer Arbeit abzugreifen. Daneben wollen euch auch reihenweise Elitegegner an die virtuelle Haut. Der Darkzone wurde übrigens auch ein eigenes Levelsystem spendiert und eine eigene Währung. Auf diese Weise könnt ihr euch auch nur auf den PvE-Part beschränken ohne Einbußen zu erleiden. Leider ist die Darkzone aktuell noch sehr unbalanciert. Zwar könnt ihr "Rogue" werden und andere Spieler angreifen, dafür werdet ihr aber markiert und eine Kopfgeld auf euch ausgesetzt. Lange Rede kurzer Sinn: Momentan steht die potentielle Strafe in keinem Verhältnis zur potentiellen Belohnung. Das sorgt dafür, dass es in der Darkzone aktuell recht gesittet zugeht. Ubisoft arbeitet aber bereits an einen Patch um genau diesem Zustand entgegenzuwirken. Trotzdem bleibt die Darkzone, gerade als Solist, ein echter Nervenkitzel. Jede Extraktion wird zum Mexican Standoff. Jede Spielerbegegnung treibt das Adrenalin hoch. Freund oder Feind, nirgendwo ist die Grenze so hauchdünn wie in der Darkzone. Jeder Fehler könnte hier einen Gunfight auslösen, jede Bewegung falsch gedeutet werden. Das ist mitunter natürlich frustig (gerade wenn ihr Highlevel-Loot verliert) aber die Darkzone ist einer der spannendsten Multiplayer der letzten Jahren.

 

Mit nem Messer zu einer Schießerei

Das Max-Level liegt momentan im PvE-Content bei 30. Habt ihr dieses Level erreicht warten unter anderem der Herausforderungsmodus und die Daily-Challenges auf euch um Phönix-Credits zu verdienen und Highlevel-Loot abzugreifen. Hier erinnert The Division ein wenig an Diablo und Co. Es geht quasi nur noch darum seinen Charakter optimal auszurüsten. Hier arbeitet Ubisoft aber bereits an neuen Inhalten, sowohl im PvE als auch PvP. Man darf also gespannt sein. Oft wurde The Division mit Destiny verglichen. Kann man machen. In dem Fall macht The Division auf jeden Fall eines schon einmal besser: Es liefert bereits zu Beginn genug Content um Solisten und Koopler eine Zeit lang zu bespaßen, ein Punkt den Destiny sträflich vernachlässigte.

Die Holo-Map macht auch was her [Quelle: Ubisoft]
Die Holo-Map macht auch was her [Quelle: Ubisoft]

 

Wish upon a star

Der Star des Spiels, oh je war die Überleitung schlecht, ist aber definitiv New York selbst. Hier muss man den Mannen von Ubisoft bzw. Massiv ein dickes Lob aussprechen. Es ist beinah unglaublich wie viel Liebe hier ins Detail gesteckt wurde. Ein paar Beispiele: Zielt eure Figur mit einem Zielfernrohr, kneift sie das Auge zu. Klettert ihr auf Autos, federn diese nach, beschossene Schilder weisen Dellen auf - wir könnten noch eine ganze Weile so weiter machen Dazu kommt ein dynamischer Tag und Nachtwechsel sowie zufällige Wetterwechsel. Diese reichen von "leise rieselt der Schnee" über sunny afternoon" bis zu "foggy London", natürlich dann mit reduzierter Sichtweise. Wir haben uns im Test immer wieder ertappt wie wir minutenlang einfach nur auf dem Time Square standen und die Atmosphäre genossen haben. Ganz großes Kino und damit, auch wenn nicht jede Textur knackig scharf ist, trotzdem ganz vorne dabei was Grafik/Atmosphäre angeht. Detailverliebt wie lange kein anderes Spiel mehr. Kritiker bemängelten dass NY so ausgestorben sei und außer Hunden, sporadischen Gegnergruppen und Ratten quasi nichts auf der Straße los sei. Dem erwidern wir: Was erwartet ihr denn? Es gab eine Pandemie, Plünderungen, auf den Straßen herrscht das Recht des Stärkeren und noch immer massive Infektionsgefahr. Verdammt, natürlich geht da kein Schwein freiwillig vor die Tür. Dafür winken euch immer wieder Bewohner aus den Fenstern oder loben eure Taten.

FAZIT

Einfach schön

Das waren damals in der Beta meine ersten Gedanken als ich nachts bei leichtem Schneefall mitten in der Darkzone stand. Seit der Beta hat Ubi noch an der Grafik geschraubt, und nicht nach unten. So wurde zum Beispiel die Lichtstimmung überarbeitet und Beleuchtungseffekte zugefügt. Die Mühe hat sich gelohnt. Wir haben bis zum Test ca. 60 Stunden in PvE, PvP und Koop verbracht. Klar das PvE-Levelmaximimum kann man innerhalb von 20 Stunden erreichen, aber dann spielt man The Division meiner Meinung nach falsch. Das virtuelle New York sollte nicht durchhetzt sondern genossen werden. Massiv/Ubisoft haben sich hier wirklich verdammt viel Mühe gegeben eine lebendige leblose Stadt zu erschaffen und das mit Bravour getan. Diese Liebe fürs Detail lässt mich auch über den einen oder anderen sporadischen, minimalen Texturnachlader hinwegsehen. Die Suche nach immer besserem Loot spornt hier ebenso an wie bei Diablo und Borderlands, und wie bei diesen Titeln entfaltet das Spiel seine volle Stärke dann auch erst im Koop. Zwar macht NY auch alleine Spaß und bietet knackige Herausforderungen, aber im Team legt The Divison nochmal eine Schippe drauf. Skills abstimmen, taktisch Vorgehen, Deckungsfeuer geben, flankieren. Einfach herrlich was sich da für ein Flow entwickelt. Habt ihr dann das Levelmaximum erreicht und alle Nebenmissionen erledigt, die sich zugegeben ständig wiederholen, macht ihr euch auf die Jagd nach besserem Loot. Dass ist sicher nicht jedermanns Sache, aber wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt bereits 40h als Solist auf der Uhr – und mal ehrlich, soviel Spielspaß bieten andere Titel im SP lange nicht und dann wäre da noch die Darkzone und einige Rogues mit denen wir noch eine Rechnung offen haben. (SH)

 

Gesamtwertung: 8,5 / 10

Wertungen  
Grafik 10 / 10
Sound  8 / 10
Steuerung 8 / 10
Gameplay 7 / 10
Multiplayer 8,5 / 10
Singleplayer  7 / 10 

Award


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We Love...

  • New York
  • Detailverliebtheit
  • Haufenweise Waffen und Mods
  • Darkzone
  • DropIn/DropOut Koop
  • Instanziertes PvE-Gebiet
  • Interessante Rahmenhandlung
  • NY und die Detaillverliebtheit ;)
  • Skillsystem

We don't Love...

  • Missionsabläufe wiederholen sich gerade bei Nebenmissionen
  • Darkzone
  • Solo an manchen Stellen fast unfair
  • ein paar mehr Cutscenes hätten es sein dürfen



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