Resident Evil HD im Test: Wie aus vielen Macken ein Genreprimus wurde


Remake-Wahn wohin man schaut. Selbst Spiele, die kaum 12 Monate alt sind, werden neu aufgelegt. Das HD-Remake des beinahe 20 Jahre alten Klassikers Resident Evil bildet dahingehend schon beinahe eine erfreuliche Ausnahme. Wir haben sie getestet.

 

Finster war's, der Mond schien helle

Düstere Herrenhäuser, Zuckende blitze. Donner grollt unheilvoll. Das Gefühl, allein zu sein. Dem hilflos ausgeliefert, was in den Schatten lauert. Diese und weitere Zutaten genügten vor knapp 20 Jahren, um Spielern weltweit das Grauen zu lehren. Reichen diese oldschooligen Zutaten aber auch heute noch aus, um einem mehr als ein müdes Gähnen zu entlocken, von Grusel ganz zu schweigen?

Wie wirken statische Kameraeinstellungen, stark limitiertes Inventar, begrenzte (und fixe) Speicherpunkte (die man sich in Form der Farbbänder sogar erst zusammensuchen muss) auf den heutigen, oft weichgespülten Gamer. Ja ihr habt richtig gelesen: Spieler sind heutzutage verwöhnt. Oder wie Etienne Garde es mal so schön sagte: "faul simmer geworden, fett simmer geworden, alt sind wir" (GameOne Folge 236). Kann also ein Spiel, welches, gemessen an heutigen Produktionsstandards, unkomfortabel und beinah "spielerunfreundlich" ist, das dem Zocker haufenweise gameplaymechanische Stolpersteine in den Weg wirft, auch heute noch begeistern? Erlaubt uns an dieser Stelle die Antwort mit nur zwei Worten vorweg zu nehmen: Scheiße, JA!

Begrenztes Inventar, schon immer Teil der Resi-Serie. [Quelle: Capcom]
Begrenztes Inventar, schon immer Teil der Resi-Serie. [Quelle: Capcom]


Gemeinsam einsam

Auf die Rahmenhandlung wollen wir an dieser Stelle gar nicht mehr groß eingehen. Vermutlich dürften selbst die jüngsten Zocker sie kennen. Daher nur ein grober Abriss: Ihr landet als Teil einer Spezialeinheit auf einem geheimnisvollen Anwesen. Nachdem ihr, veranschaulicht durch ein nach wie vor herrlich trashiges Intro, von Zombiehunden verfolgt, in letzter Minute euren virtuellen Hintern rettet, findet ihr euch (wahlweise als Jill oder Chris) in der Halle eines fürstlichen Herrensitzes wieder. Fortan lautet eure Mission: Findet weitere Überlebende, überlebt selbst und entkommt dem Labyrinth-artigen Grundstück. Die Wahl des Charakters ist dabei mehr als nur kosmetischer Natur. Chris und Jills Abenteuer unterscheiden sich sowohl in einigen Handlungssequenzen, als auch in handfesten Details wie z. B. Inventargröße und nutzbare Items. Die Wahl will also gut überlegt sein.

Von da an lauft, ballert, rätselt und schnüffelt ihr euch durch das verwinkelte Areal. Moment. Rätseln und Schnüffeln? Wer möglicherweise erst mit Resident Evil 4 eingestiegen, ist kennt die Reihe ja eher als Third Person Shooter mit Horrortouch und veralteter, für das Genre unglaublich träger, Steuerung. Diese Gruppe Spieler wird sich böse wundern. Zwar finden sich im Spielverlauf diverse Meinungsverstärker, deren Munition ist jedoch seltener als Kondome im Vatikan. Erschwerend kommt hinzu: Wird der untote Strolch nicht verbrannt oder enthauptet – ja wo hatte The Evil Within das wohl her, liebe Jungzocker? - kommt er kurze Zeit später als Crimsonhead (alias Zombie 2.0) zurück. Stärker, schneller und aggressiver. Blöde Sache, gerade in Verbindung mit der Steuerung, die einfach nicht auf schnelle Headshots ausgelegt ist. Dazu aber später mehr.

Zwei spielbare Charaktere bietet der erste Teil der Resident Evil Reihe. [Quelle: Capcom]
Zwei spielbare Charaktere bietet der erste Teil der Resident Evil Reihe. [Quelle: Capcom]

Ducken und dribbeln, Flucht ist keine Schande

Oft ist es daher sinnvoller, den lahmen Beissern einfach auszuweichen und seine Ressourcen für Monsterspinnen, Schlangen, Hunter und Co. zu sparen. Das genügt euch noch nicht als Herausforderung? Kein Problem. Auch das Anwesen selbst bietet euch in Form von Fallen die eine oder andere tödliche Überraschung.

Ziehen wir also ein kurzes Zwischenfazit: Haufenweise Flora und Fauna die euch ans Leder will, ein Gemäuer bei dem selbst Tine Wittler den Kürzeren zöge und untote Monster. Auf der Haben-Seite: Waffen mit verschwindend geringen Munitionsmengen. Fazit: Schlechte Karten für euch.

Karte ist auch gleich ein gutes Stichwort. Sporadisch findet bzw. errätselt ihr euch Pläne des umliegenden Areals oder Stockwerks. Diese sind auch bitter nötig, da ihr euch sonst wohl regelmäßig verlaufen würdet. Questmarker oder so ein Kinderkram? Bitte – macht euch nicht lächerlich. Wer kurze Wege und Hinweise alle paar Schritte erwartet, ist falsch. Resident Evil schämt sich nicht, euch einen minutenlangen Laufweg von A nach B aufzubürden, zurück zu A zu zwingen, weil ihr das passende Item nicht dabei habt, und euch dann wieder nach B zu scheuchen - nur mit dem Unterschied, dass dort dieses Mal ein unterernährter Dobermann-Zombie-Mischling wartet. Ihr habt blöderweise keine Munition im Gepäck, sondern nur eine der (auf Wunsch automatisch aktivierbaren) Verteidigungswaffen? Euer Pech. Ihr erledigt den Köter mit letzter Kraft, aber habt eure Heilkräuter zwei Stockwerke tiefer liegen lassen? Euer Pech. Ihr werdet Opfer des Hundes, aber der letzte Save ist über drei Stunden her? Schicksal, deal with it. Ihr wisst nicht wie es weitergeht und wartet auf Tooltips oder Hinweise? Vergesst es. Resident Evil gesteht euch allenfalls kryptische Hinweise zu, und auch nur dann wenn ihr die unterwegs gefunden Briefe, Tagebücher und Akten lest. Rätsel sind kein schmückendes Beiwerk, sondern regelrechte Plot-Stopper, denn alternative Wege sind nicht vorgesehen.

Wer die alte "Panzer-Steuerung" mag, kann sie aktivieren. [Quelle: Capcom]
Wer die alte "Panzer-Steuerung" mag, kann sie aktivieren. [Quelle: Capcom]

Panzer auf zwei Beinen

Veteranen werden nun sicher schmunzeln und sich an die träge, unbequeme Steuerung des Ur-Resi erinnern. Freut euch, auf Wunsch ist diese immer noch verfügbar. Alternativ dazu wird aber eine komfortablere "Third-Person"-Steuerung angeboten. In einem Punkt bleibt man dem Ursprung jedoch treu – Laufen und schießen ist nicht, entweder oder. Soundtechnisch bietet das HD-Remake feinsten 5.1-Sound, der euch eine wohlige Gänsehaut an den Leib zaubert. Kommen wir nun aber zum wichtigsten Aspekt eines HD-Remakes, dem HD. Vergleicht man die PS1-Version mit dem HD-Remake, muss man Capcom Respekt zollen. Klar kann Resident Evil HD nicht mit Ryse, Infamous und anderen mithalten. Trotzdem ist es stellenweise beeindruckend, was noch aus der betagten Urversion rausgekitzelt wurde. Das 16:9-Bild kann überzeugen und die neu implementierten Licht- und Grafikeffekte sind zwar nicht die schönsten des Jahres, aber unheimlich stimmungsvoll. Leider gibt es aber auch ein wenig Schatten. Gelegentlich trafen wir auf Passagen in denen man einen "Pappkulisseneffekt" erlebt. Sicher kennt ihr das: Wenn man einen alten Film als HD-Remaster sieht, stechen einem manche Kulissen direkt als Pappmaché ins Auge. Dieser Effekt tritt bei Resident Evil HD nur selten auf. Kleine Anekdote am Rande: Bei schnellen Drehungen wurde sogar an das Breastbouncing bei Jill gedacht – wenn das mal kein Kaufgrund ist… (SH)

FAZIT  

The best there is, there was...

..and probably will be for a long time. Es ist beeindruckend. Das begrenzte Inventar, die hakelige Steuerung, die umständliche Menüführung, der Mangel an Hilfestellung im Spiel – all das sind Kritikpunkte, die so manch anderem Spiel wertungstechnisch das Genick brechen würden. Resident Evil erhebt diese Macken jedoch zu Gameplay-Elementen. Wieso also so eine hohe Wertung trotz solch offensichtlicher Mängel? Weil Resident Evil, auch nach 20 Jahren, etwas schafft, das sonst kaum ein Titel der letzten Jahre geschafft hat. Es zieht den Spieler von der ersten Minute in seinen Bann, erzeugt eine Atmosphäre und Stimmung, die zum Schneiden dicht ist. Wen kümmern da noch solche Nebensächlichkeiten wie ein fummeliges Menü. Ja es ist schwer, ja es ist stellenweise frustrierend aber es ist auch nach wie vor ein echtes Brett von einem Survival-Horrorgame. Trotz der Macken wischt es auch heute noch locker den Boden mit einem Evil Within oder Alien: Isolation auf. Weshalb Capcom nicht den Mut zu einer Retailversion hatte, verstehe ich nicht. Nichtsdestotrotz kann ich jedem, der den Titel damals gespielt hat, eine Kaufempfehlung aussprechen. Und wer Resident Evil bislang noch gar nicht kannte, sollte sowieso zugreifen und sich dieses Stück Videospielgeschichte nicht entgehen lassen. Aber seid gewarnt. Der HD-Remaster ist im Gegensatz zu Teil 4-6 kein plumper Shooter, sondern mehr Adventure als Actionspiel.

Gesamtwertung     9 / 10 

Wertungen

Grafik 7 / 10
Sound 8 / 10
Steuerung 7 / 10
Gameplay 7 / 10
Multiplayer -
Singleplayer 9 / 10

AWARD


We Love...

  • Optionale 3rd-Person-Steuerung
  • Erzeugt von der ersten Sekunde an Gänsehaut
  • Atmosphärisch hat die HD-Überarbeitung nochmal einen ordentlichen Mehrwert erzeugt
  • Massenweise Freispielbares (z.B. unsichtbare Gegner Modus, Kostüme)
  • Wiederspielwert durch zwei Charaktere
  • Saubere 5.1 Abmischung, unbedingt mal Nachts mit Kopfhörer testen

We don't Love...

  • Stellenweise entsteht aufgrund der HD-Filterung ein "Pappkulissen-Effekt"
  • fixe, in der Anzahl begrenzte Speicherpunkte sind heutzutage gewöhnungsbedürftig
  • keine Retailversion (in der EU)
  • PS360-Versionen fallen grafisch noch einen Tick schwächer aus als die XO/PS4 Versionen
  • Türanimationen sind zwar kultig, aber es wäre schön wenn sie nur optional wären

Zuerst veröffentlicht auf gamezone.de am 13.02.2015