Hellblade: Senua's Sacrifice im Just-Nerds Test: Spielbarer Psychotrip oder stumpfes Hack'n Slay?

Ninja Theory haben es wieder getan. Nach Enslaved und Heavenly Sword präsentiert uns das Studio erneut ein Spiel mit einer starken weiblichen Protagonistin. Ob die Rechnung aufgeht oder man nur auf der Aloy-Welle (Horizon Zero Dawn) mitreiten will verraten wir euch im Test.

[Quelle: Ninja Theory]
[Quelle: Ninja Theory]

Wir wollen euch an dieser Stelle gar nicht viel über die Handlung von Hellblade verraten da man diese einfach selbst erleben sollte. Daher nur ein paar Basisinfos. Ihr übernehmt die Kontrolle über die junge Piktenkriegerin Senua. Diese lebt in einer Zeit als die Römer sich in Britannia hinter dem Hadrianswall vor den Kelten versteckten während gleichzeitig die Nordmänner, auch bekannt als Wikinger, an der schottischen Küste in Britannia einfielen. Bei einem solchen Überfall verliert Senua ihren Geliebten. Dieser wird, wenig diplomatisch, von den Invasoren in einem brutalen Folterritual ihren Göttern geopfert. Durch diesen „Opfertod“ ging seine Seele direkt in die nordische Hölle, nach Helheim. Grund genug für Senua sich für den Tod zu rächen und die Seele ihres Geliebten aus den Klauen der Totengöttin Hel zu befreien.

Was alleine schon als Stoff für eine spannende Geschichte ausreichen würde wird durch die Tatsache bereichert dass Senua, nun ja, nicht normal ist. Dem damaligen medizinischen Wissen nach gilt Senua als besessen. Sie hört Stimmen, sieht Dinge und Muster die andere nicht wahrnehmen können und nimmt die Welt auf eine anz besondere Weise wahr. Was damals als Fluch galt kennt die Psychologie heute als Schizophrenie und schizoide Wahnvorstellungen. Getreiben von ihrem Durst nach Rache, dem Wunsch die Seele des Geliebten zu retten und den Stimmen in ihrem Kopf begibt sich Senua, und damit der Spieler, auf einen Trip in die Hölle.

Dabei überlässt es Ninja Theorie geschickt dem Spieler zu interpretieren was Wahnvorstellung und was Realität ist. Begibt sich Senua wirklich auf eine fantastische Reise und kämpft gegen Dämonen und Fabelwesen oder entspringt das alles ihrer gemarterten Seele und ist der riesige Wikinger der sie angreift gar kein Dämon sondern einfach nur ein normaler Wikinger, verzerrt durch Senuas Wahn.

 

Senua sieht die Welt mit anderen Augen. [Quelle: Ninja Theory]
Senua sieht die Welt mit anderen Augen. [Quelle: Ninja Theory]

Die Stimmen in Senuas Kopf sind euch auf eurer Reise sowohl Segen als auch Fluch. Manchmal gebe sie euch nützliche Hinweise manchmal leiten sie euch auch in die Irre nur um euch danach zu verspotten. So oder so, für die Umsetzung dieses Krankheitssymptoms gebührt Ninja Theory ein dickes Lob. Wie euch die beiliegende Doku (unbedingt erst nach Spielende anschauen) zeigt hat man sich im Vorfeld ausführlich mit Psychologen und Betroffenen berate um das „Stimmen hören“, „Muster sehen“ und die sonstigen Schizophrenie-Symptome möglichst glaubhaft für den Spieler erfahrbar zu machen. Wir können nur sagen: Mission gelungen. Wir empfehlen euch unbedingt mit Kopfhörer oder Surroundanlage zu spielen.

Kritik müssen wir an den Trailern im Vorfeld zum Release äußern. Diese suggerierten einen God of War meets Dark Souls Klon, dabei machen die hervorragend choreographierten Kämpfe gerade einmal knapp 20% des Spiels aus und häufen sich auch erst im letzten Viertel. Hellblade erinnert in seiner Art eher an einen Walking Simulator a la Dear Esther mit Rätsel- und Kampfeinlagen. Immer wieder unterbricht das Spiel und lässt euch Senua im Zwiegespräch mit ihren Stimmen oder „Geistern“ aus ihrer Vergangenheit teilhaben. Auf diese Weise entfaltet sich die Handlung eher gemächlich, aber dafür gewinnt Senua mit jeder Spielminute mehr und mehr Tiefe und am Ende stellten wir fest dass wir wahrlich mit Senua litten, weinten und lachten.

Nun könnte man Hellblade seine mit sechs bis acht Stunden eher kurze lineare Geschichte vorwerfen, wir sehen dass etwas anders. Hellblade ist ganz klar ein „storydriven Game“ und als solches sind und eine packende Geschichte und glaubwürdige Charaktere wichtiger als der Trend zur verwässerten Open World. Dieser „größer ist besser“- Wahn lies ja zuletzt einige namhafte, für ihre guten Geschichten bekannte, Titel straucheln, wir denken da an Mass Effect und Dragon Age. Darum liebe Entwickler, Mut zur Kürze mit Würze.

 

Abschließend ein Wort zu der Sache mit dem Permadeath und der Spielstandlöschung

VORSICHT! Dieser Absatz enthält einen Gameplayspoiler:

Recht früh im Spiel erlebt ihr wie die Dunkelheit in Form eines sich ausbreitenden Geschwürs von Senua Besitz ergreift. Mit jedem Tod greift das Geschwür weiter um sich. Laut Entwickler habt ihr ungefähr acht Tode bis die Dunkelheit sich Senuas Seele bemächtigt und aller Fortschritt verloren ist. Mit diesem Kniff wollen euch die Macher nur Angst machen. Es finden sich auf Youtube genug Videos die den Saveame-Wipe widerlegen. Ninja Theory wollte euch mit dieser Finte offenbar einfach das panische Gefühl Senuas und ihre Angst vor der Dunkelheit (so nannte ihr druidischer Vater ihren Fluch) spüren lassen.

SPOILERENDE

 

Dämon oder einfacher Wikinger - wer weiß. [Quelle: Ninja Theory]
Dämon oder einfacher Wikinger - wer weiß. [Quelle: Ninja Theory]

Abschließend können wir nur sagen „Wow!!!!“ Ninja Theory haben mit Hellblade: Senua's Sacrifice ihr Meisterstück abgeliefert. Selten ging uns das Schicksal eines Charakters so nahe, fieberten und litten wir so mit einer Spielfigur. Die Umsetzung und „Greifbarmachung“ einer heute bekannten psychischen Störung im Kontext dieser von Aberglauben und Götteropfer geprägten Zeit hat uns von Beginn an gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Großen Anteil daran trägt auch das beeindruckende Spiel von Melina Juergens, die für Senua im Motion Capture als Vorlage diente. Was diese junge Frau hier abliefert spielt in einer Liga mit MoCap-Legende Andy Serkis und muss sich vor Hollywood keinesfalls verstecken. Gekonnt wechselt Melina/Senua zwischen emotionalen Stimmungen nur um kurz danach wie eine Berserkerin auf ihre Gegner einzudreschen oder sie geschmeidig zu umtänzelt. Die Abwesenheit jedes HUD trägt hier extrem zur Stimmung bei. Von uns gibt es ein klare Kaufempfehlung und einen verdienten „WE LOVE“-Award für Hellblade: Senua's Sacrifice

Gesamtwertung:  9

Wertungen  
Präsentation. . . . . . . . . . . . . . . . . 8,5 / 10
Gameplay . . . . . . . . . . . . . . . . . .  8 / 10
Atmosphäre / Story . . . . . . . . . . .  10 / 10
Multiplayer . . . . . . . . . . . . . . . . . - / 10
Spielspaß . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 / 10

Award




We Love...

  • Starke Protagonistin
  • Mix aus keltischer und nordischer Mythen
  • Packende, sich nach und nach entfaltende Handlung
  • Packt euch emotional bei den Eiern
  • Audiovisuelle und soundtechnische Umsetzung von Schizophrenie beeindruckt
  • Taktisches Kampfsystem

We don't Love...

  • An wenigen Stellen im Spiel backtracking
  • In engeren Kamparealen zickt die Kamera, lässt sich aber manuell problemlos justieren.
  • Strenggenommen wiederholen sich die Rätsel, was im Spielfluß aber nie störend auffällt.


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Kommentare: 2
  • #1

    Absalom (Samstag, 19 August 2017 08:00)

    vollkommende Zustimmung :D

  • #2

    Sven@Just-Nerds (Freitag, 25 August 2017 00:00)

    Freut uns :) und weil dem so ist am besten fleißig teilen ;)