Goat Simulator im Test: Meta-Analyse eines Ziegenlebens

Quelle: Coffee Stain Studio
Quelle: Coffee Stain Studio


Lasst uns für einen Moment inne halten. Ihr alle kennt den gesichtslosen Master Chief. Ihr kennt den polnischen Hexer Geralt. Ihr kennt den feuchten Archäologentraum Lara. Vergesst sie alle. Solltet ihr für den Rest eures Lebens nur noch ein letztes Spiel spielen dürfen, dann wählt den Goat Simulator!

 

Jeder von uns hat in seinem Zockerleben schon dutzende, wenn nicht hunderte von Spielen gezockt. Dabei waren viele Gurken, viel Durchschnittsware und einige sehr gute Titel. Dann und wann aber, oft unvermutet und völlig unvorbereitet gibt es sie dann aber: Perlen, Schmuckstücke, Sahneschnitten. Dieses eine Spiel von Tausenden. Das Spiel, das nicht nur Spaß macht, sondern ein Meilenstein – ach was sage ich: ein Meisterwerk ist. Nur wenige Spiele dürfen sich diesen Ritterschlag ans virtuelle Revers heften und noch weniger Spiele haben einen solch monumentalen Stellenwert. Es ist mir heute eine Freude, nein, ein Privileg und eine Ehre euch eines dieser Meisterstücke vorzustellen.

Lange habe ich überlegt, in welcher Form man das perfekte Kunstwerk rezensiert. Klar, bei einem Gemälde könnte man sich über Farbwahl, Motiv und Proportion auslassen. Bei einem Film über darstellerische Leistung, Technik und Handlung. Bei einem Roman über Wortwahl, Charakterzeichnung und Spannungsbogen. Aber wie soll man ein Produkt in ein Schema pressen, das so viel mehr ist als die Summe seiner Einzelteile? Kann man ein Werk wie die Bibel nach dem Maßstab eines normalen Buches messen? Sicher nicht. Ebenso entzieht sich der Goat Simulator der profanen Kulturkritik der Videospiele. Ein Spiel, das jetzt zum ersten Mal für Xbox 360 und Xbox One erscheint. Wer hier den Fehler begeht, das Gesamtkunstwerk in die Summe seiner Teile herunterzubrechen, kann und muss sich dem Vorwurf des unseriösen Schmierenjournalismus stellen.

Ziegen machen Chaos. Die Welt besteht aus Chaos. Sind die Ziegen Schuld? Aiman Abdallah klärt auf. [Quelle: Coffee Stain Studio]
Ziegen machen Chaos. Die Welt besteht aus Chaos. Sind die Ziegen Schuld? Aiman Abdallah klärt auf. [Quelle: Coffee Stain Studio]

Alleine der Anfang des, und es fällt mir schwer hier den Begriff "Spiels" zu verwenden, ist eine Offenbarung. Kein ellenlanges Tutorial, keine nervige Charaktererstellung. Man wird direkt in die Haut eines der majestätischsten Lebewesen unserer Welt gesteckt. Einer Ziege. Jetzt mag der Eine oder Andere grinsen und sich denken: "Ne Ziege? Ja nee, is klar." Aber schauen wir mal hinter die Fassade des vermeintlich tumben Huftieres. Die Ziege begleitet den Menschen schon seit Jahrtausenden als Nutztier. Diente ihm als Nahrungs- und Rohstofflieferant von der Antike bis in die heutige Moderne. Durch die Wahl einer Ziege greifen die Entwickler damit sogar biblische Motive auf und versetzen den Spieler gewissermaßen in die Rolle des Lamm Gottes, das uns Menschen gesandt wurde, um für unsere Sünden zu büßen. Gleichzeitig gewähren Sie dem Spieler eine gewisse Allmacht in seinem Handeln und tun. Mal ehrlich? Geht es noch epochaler?

 

Gleichzeitig steht der Ziegenkopf aber auch in Verbindung mit dem Teufel. Auf diese Weise vereinen die Entwickler die Ewige Dualität in ihrer Spielfigur. Der Kampf Gut gegen Böse. Reue gegen Verlockung. Es obliegt mir, dem Spieler, zu handeln und dabei mich selbst zu erkennen. Lebe ich friedlich mit der Welt, verkörpere ich die Unschuld und das Göttliche in Form des gütigen Lammes? Lade ich klaglos die Schuld und die Schmähungen der NPCs auf mich und trage mein Los mit Fassung? Oder gebe ich der Versuchung nach? Übe ich statt Barmherzigkeit und Gnade lieber höllische Rache? Lasse ich den niederen Trieben des Teufelstiers freien Lauf und begebe mich auf eine apokalyptische Zerstörungs- und Mordorgie bis die Welt schließlich beim Klang meines markerschütternden "Mähs" aus ihren Angeln gerissen wird und brennend ins Armageddon versinkt? Ist das die virtuelle Katharsis? Mir wird als Mensch ein Spiegel vorgehalten. Vergesst die konstruierten Folterkontroversen eines GTA, die plakativen Schockmomente eines Flughafenmassakers bei Call of Duty oder die Schmährufe und die niederen menschlichen Abgründe, die sich bei einer Partie Mario Kart auftun. All das ist Bild-Zeitung im Vergleich zu diesem göttliche Gleichnis, das uns die Entwickler dieses Software-Geniestreiches präsentieren. Dass sie ihr Werk dabei ganz profan nur Goat Simulator benannt haben, zeugt von einer tiefen Bescheidenheit dieser Genies, ja ich möchte sie sogar Apostel einer neuen Art des selbstbestimmten Glaubens nennen – des Goatismus.

Dumme Ziege vor dem Fernseher - ist das die Parabel auf das eigene Leben? [Quelle: Coffee Stain Studio]
Dumme Ziege vor dem Fernseher - ist das die Parabel auf das eigene Leben? [Quelle: Coffee Stain Studio]

Aber gut, zugegeben, all das mag einer sehr christlich-katholischen Erziehung geschuldet sein – auf den ersten Blick. Betrachtet man die Ziege in der Religion, wird man nicht umhin kommen, dass sie zum Beispiel auch in der nordischen Mythologie eine gewichtige Rolle spielt. Tanngnjostr (Zähneknisterer) und Tanngrisnir (Zähneknirscher). Sagt euch nichts? Nun, das sind die Namen der beiden Tiere, die den Wagen des großen Donnergottes Thor ziehen. Jetzt ratet mal welcher Gattung diese Tiere den Legenden nach angehören? Nicht etwa Drachen, Wölfe oder Hello Kitty zogen den Wagen Thors (dessen Kult auch heute noch seine Anhänger in Skandinavien und Hollywood hat), nein es waren Ziegen. Diese magischen Wesen zogen Thors Wagen über den Himmel und hatten noch eine weitere Besonderheit. Wenn er Hungerhatte, konnte Thor sie schlachten und verzehren. Solange ihre Knochen vollzählig und heil blieben, erlebten sie am nächsten Morgen eine Wiedergeburt als sei nichts gewesen. Dies wird allgemein als Symbol des Lebensgabe und Fruchtbarkeit angesehen, verkörpert durch eine Ziege. EINE ZIEGE!

Selbstverständlich findet sich auch diese Parallel im Goat Simulator wieder. Egal welches Unbill uns in der Rolle der Ziege widerfahren mag, ein Knopfdruck genügt (quasi als Analogie zum neuen Tagesanbruch) und wir erleben die Wiederauferstehung wie Phönix aus der Asche. Selten wurde der Kreislauf aus Tod, Opferbereitschaft, bis hin zur Selbstaufgabe und die damit einhergehende Belohnung in Form der Wiedergeburt, des Neuanfangs eindrucksvoller eingefangen. Da ist es nur passend, dass es in Skandinavien heute noch üblich ist sich einen Julbock, eine Ziegenfigur aus Stroh, als Dekoration in die weihnachtlich Stube zu stellen – Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Ja auch im Islam kommt der Ziege eine besondere Bedeutung zu. So heißt es dort: "Zudem ist belegt, dass der Uprophet zwei weiße Ziegenböcke mit jeweils zwei Hörnern schlachtete. Er schlachtete sie eigenhändig." Der Goat Simulator ist gelebte Völkerverständigung in Form eines simplen Videospiels. Da kann jede Fußball-WM einpacken.

DAS IST KEINE ZIEGE! [Quelle: Coffee Stain Studio]
DAS IST KEINE ZIEGE! [Quelle: Coffee Stain Studio]

Gleichzeitig zeigen uns die Entwickler aber auch die Fehlbarkeit des Lebens und der Existenz auf. Nicht immer funktioniert im Leben alles wie geplant. Man muss Umwege gehen. Rückschläge einstecken und wieder aufstehen. Eine Steuerung, die der simpel gestrickte Tester als hakelig bezeichnen würde, verdeutlicht uns das. Oberflächlich betrachtet könnte man sogar zustimmen, jedoch geht die Intention viel tiefer. Was als hakelige Steuerung daher kommt, ist in Wahrheit schlicht das Leben. Wann läuft denn schon einmal alles rund? Wie oft passiert genau das was man sich vorstellt? Leben ist Veränderung und Wandel und da hakt es nun einmal. Mit diesem genialen Kniff, in Form einer vermeintlichen Hakelsteuerung, wird uns beiläufig eine Lektion fürs Leben erteilt, ohne moralischen Zeigefinger oder Betroffenheit. Komplexität wird simplifiziert auf eine Art, die so allgemeinverständlich ist wie ein Lächeln.

Wer den Goat Simulator als simples Videospiel abtut, kann weiter nicht von der Wahrheit entfernt sein. Es ist ein Kunstwerk, eine Parabel auf das Leben, das Göttliche und die Existenz an sich. Ein Gesellschaftsspiegel - ohne Moralpredigt - mit einer universalen Botschaft: Sei. (SH)

FAZIT

GoatY – Weniger wäre Blasphemie

Mal ehrlich, der Goat Simulator ist kein Spiel. Darüber können auch die vorhandenen Renn- und Herausforderungscharakter nicht hinwegtäuschen. Es ist ein Physik-Simulator, und dabei nicht mal ein besonders guter. Mittelprächtige Grafik, haufenweise Bugs, nerviger Sound und eine Steuerung, die den Namen kaum verdient. Handlung oder Spielziel sucht ihr vergebens. Sicher könnte man nun, wie einige Kollegen, eine Art „back to the roots“-Ideologie, Spielspaß um des Spaßes Willen, hinein interpretieren. Aber ich denke, damit baut man den Machern ein zu hohes Podest. Warum der Goat Simulator trotzdem unser GoatY ist? Weil GotY leider schon mit Game of the Year assoziiert wird. Der Goat Simulator ist ein Stück Softwarecode, der das Glück hatte einen webweiten Hype zu generieren. Aber irgendwie ist es auch… Besonders.

Gesamtwertung 3 / 10

Wertungen
Grafik 10 / 10

Sound

10 / 10
Steuerung 10 / 10
Gameplay 10 / 10
Multiplayer -
Singleplayer 10 / 10

AWARD


We Love

  • in Farbe
  • und bunt
  • Spielfigur kann an allem lecken und bekommt dafür auch noch Punkte
  • man kann "Mähh" sagen - auf Knopfdruck
  • ist witzig für ca. 5:37 min (ja wir haben mitgestoppt)
  • die Spielfigur ist eine Ziege
  • spielbares Gleichnis auf das Leben und den ganzen Rest
  • und damit umfangreicher als 42 ;)

We don't Love

  • die Ziege hat nur eine Fellfarbe

Zuerst veröffentlicht auf gamezone.de am 23.04.2015